ABS und ASA sind die beiden Materialien, an denen die meisten Einsteiger scheitern – nicht aus Ungeschick, sondern weil der Drucker die Voraussetzungen nicht mitbringt. Beide schrumpfen stark, beide reagieren empfindlich auf Zugluft, und beide riechen deutlich. Wer sie auf einem offenen Gerät im Wohnzimmer probiert, bekommt abgehobene Ecken, gerissene Schichten und einen Raum, den man lüften muss. Dieser Artikel klärt, was dein Drucker wirklich können muss, worin sich ABS und ASA unterscheiden und wo die ehrlichen Grenzen liegen.
- Ein geschlossener, warmer Bauraum ist bei ABS und ASA keine Optimierung, sondern Voraussetzung.
- Gehärtete Düse: nicht nötig. Beide Materialien sind in der Reinform nicht abrasiv.
- Trocknung nach Bambu-Angabe: 80 °C für 8 Stunden – für ABS und ASA identisch.
- ASA ist der UV-stabile Verwandte von ABS und die bessere Wahl für alles, was nach draußen soll.
- Beim Drucken entstehen Geruch und Emissionen. Das ist kein Randthema, sondern Teil der Planung.
Was ABS und ASA ausmacht
ABS steht für Acrylnitril-Butadien-Styrol und ist einer der meistverwendeten technischen Kunststoffe überhaupt – Gehäuse von Elektrogeräten, Kfz-Innenraumteile, Spielzeugbausteine. Es ist zäh, schlagfest, formstabil bei Wärme und lässt sich mechanisch bearbeiten: bohren, schleifen, gewindeschneiden. Eine Besonderheit, die kein anderes gängiges Filament hat: ABS löst sich in Aceton. Damit lassen sich Teile verkleben oder Oberflächen glätten.
ASA ist eng verwandt. Statt der Butadien-Komponente steckt hier ein Acrylester-Anteil im Polymer – und genau dieser Unterschied macht ASA UV-beständig. Butadien reagiert unter Sonneneinstrahlung: ABS-Teile werden draußen binnen Monaten gelblich, spröde und kreiden aus. ASA hält das deutlich länger aus. Ansonsten verhalten sich beide beim Drucken sehr ähnlich.
Im Vergleich: PLA ist steif, aber wärmeempfindlich, PETG zäh, aber weniger formstabil unter Last. ABS und ASA liegen bei der Wärmeformbeständigkeit klar darüber – die naheliegende Wahl für einen Halter im Motorraum oder eine Abdeckung am Fahrzeug.
Der Preis dafür ist die Verarbeitung. Beide schrumpfen beim Abkühlen deutlich stärker als PLA oder PETG. Diese Schrumpfung ist keine Eigenschaft, die man wegkalibrieren kann – sie ist Physik und der Grund für praktisch alle Probleme, die man mit diesen Materialien hat.
ABS oder ASA – was wählst du?
Die Entscheidung hängt fast nur an einer Frage: Kommt das Teil nach draußen?
| Kriterium | ABS | ASA |
|---|---|---|
| UV-Beständigkeit | gering, vergilbt und versprödet | deutlich besser, dafür entwickelt |
| Verzugsneigung | hoch | hoch, in der Praxis oft etwas gutmütiger |
| Geruch beim Druck | deutlich | deutlich, von vielen als schärfer beschrieben |
| Aceton-Bearbeitung | funktioniert gut | funktioniert ebenfalls |
| Verfügbarkeit und Auswahl | breit, viele Farben | etwas schmaler |
| Sinnvoll für | Innenraum, Prototypen, Aceton-Verklebung | Außeneinsatz, Fahrzeug, Garten, Fensterbank |
Kurz: draußen ASA, drinnen ABS – und wer nur eine Rolle im Regal haben will, nimmt ASA, weil sie beides abdeckt.
Was dein Drucker dafür können muss
Dieser Abschnitt entscheidet über Erfolg oder eine Reihe von Fehldrucken. Er wird oft weichgespült – hier nicht.
- Geschlossener, warmer Bauraum: ja, zwingend. ABS und ASA schrumpfen so stark, dass die Wärme rund um das Bauteil gehalten werden muss. Sonst reißen große Teile zwischen den Schichten auf oder heben sich an den Ecken – kein Haftmittel und keine Slicer-Einstellung gleicht das aus. Auf offenen Geräten gelingen allenfalls kleine Teile, und auch die nur ohne Luftzug im Raum. Werkseitig geschlossen sind etwa Bambu Lab P1S, X1, X1C, X1E und H2D, Prusa CORE One sowie Creality K1, K1C und K2. Offene Geräte wie die A1-Reihe, Prusa MK4S oder die Ender-3-Serie lassen sich nachrüsten.
- Beheiztes Bett: ja, und heiß. Beide brauchen deutlich mehr als PLA. Geräte, die bei 80 °C an ihre Grenze kommen, sind hier grenzwertig.
- Ganzmetall-Hotend: praktisch Pflicht. Die Düsentemperaturen liegen dort, wo eine PTFE-Auskleidung schnell altert. Ein Hotend ohne PTFE im Heißbereich ist die sichere Variante.
- Gehärtete Düse: nein. Reines ABS und ASA sind nicht abrasiv, eine Messingdüse genügt. Das ändert sich sofort bei den CF-Varianten: E3D dokumentiert für Carbon-Filament eine sichtbar zerstörte 0,4-mm-Messingdüse bereits nach rund 250 Gramm, während gehärteter Stahl 2,5 Kilogramm übersteht. Für ABS-CF oder ASA-CF ist die gehärtete Düse also gesetzt.
- Trocknung: ja. Beide Materialien nehmen Feuchtigkeit auf. Bambu Lab nennt für ABS und ASA 80 °C für 8 Stunden. Feuchtes ABS zeigt sich durch Blasenbildung, raue Oberflächen und schlechtere Schichthaftung – ausgerechnet dort, wo das Material ohnehin unter Zugspannung steht.
- Lüftung oder Filterung: einplanen. Ein geschlossener Bauraum hält die Dämpfe mit drin. Der Aufstellort muss lüftbar sein.
Woran du erkennst, ob eine Rolle überhaupt Feuchtigkeit gezogen hat, steht im Artikel zu feuchtem Filament; die vollständige Werteliste nach Material findest du unter Filament trocknen. Und zur Klarstellung, weil es oft verwechselt wird: Eine Trockenbox lagert, sie trocknet nicht. Prusa formuliert das im eigenen Handbuch unmissverständlich mit „The Drybox does not dry filament.“
Für alle, die Teile für den Außeneinsatz drucken und einen Drucker mit geschlossenem Bauraum haben. Sinnvoll ist eine vakuumverpackte 1-kg-Spule mit 1,75 mm samt Trockenmittel. Achte auf eine Angabe zum empfohlenen Temperaturfenster – bei ABS und ASA unterscheiden sich die Rezepturen der Hersteller spürbar.
Einstellungen, die wirklich zählen
Weil die Rezepturen stark streuen, stehen hier Spannen. Die Angabe des jeweiligen Herstellers auf der Rolle hat immer Vorrang.
- Düsentemperatur. Üblich sind etwa 240 bis 260 °C. Höher als bei PETG, weil die Schichthaftung gegen die Schrumpfspannung arbeiten muss. Zu kalt zeigt sich nicht an der Optik, sondern daran, dass sich das Teil später zwischen den Schichten aufziehen lässt.
- Betttemperatur. Typisch 90 bis 110 °C. Der Bereich ist breiter als bei anderen Materialien, weil die Plattenbeschichtung mitentscheidet.
- Bauteilkühlung. Hier gilt das Gegenteil dessen, was man von PLA kennt: Lüfter praktisch aus. Jede erzwungene Abkühlung erhöht die Spannung im Bauteil. Nur bei sehr kleinen Querschnitten oder steilen Überhängen darf minimal gekühlt werden – und dann so wenig wie möglich.
- Geschwindigkeit. Moderat, etwa 40 bis 60 mm/s auf klassischen Geräten. Sehr schnell bringt hier wenig, weil die Schichthaftung leidet.
- Wandzahl und Füllung. Mehr Material heißt mehr Schrumpfspannung. Bei großen Teilen bringt ein niedrigerer Füllgrad oft mehr als jede Temperaturkorrektur.
- Geometrie entschärfen. Verrundete Außenecken an der Grundfläche und ein Brim von fünf bis zehn Millimetern sind bei ABS keine Notlösung, sondern Standardvorgehen.
- Bauraum vorwärmen. Das Bett vor dem Start einige Minuten auf Zieltemperatur laufen lassen, damit sich die Luft im Gehäuse aufheizt. Bei geschlossenen Geräten macht das einen größeren Unterschied als die meisten Slicer-Einstellungen.
Und der wichtigste Punkt: Bauraum zu lassen. Die Tür während des Drucks zu öffnen kostet in Sekunden die Wärme einer halben Stunde – das Bauteil quittiert das mit einer sichtbaren Trennlinie.
Geruch, Dämpfe und Aufstellort
ABS und ASA riechen beim Drucken deutlich – das ist kein Zeichen schlechten Materials, sondern normal. Beim Erhitzen entstehen flüchtige organische Verbindungen und ultrafeine Partikel. Studien zu Emissionen aus dem FDM-Druck zeigen für ABS durchweg höhere Werte als für PLA. Das ist der belastbare Teil der Aussage.
Was daraus für die Gesundheit folgt, lässt sich nicht seriös in einem Satz beantworten, und pauschale Entwarnung wäre hier genauso falsch wie Panikmache. Die praktischen Konsequenzen sind dagegen unstrittig: nicht im Schlafzimmer drucken, nicht in einem Raum ohne Lüftungsmöglichkeit, und bei geschlossenem Bauraum entweder filtern oder nach außen abführen. Die Studienlage, die messbaren Unterschiede zwischen den Materialien und die sinnvollen Gegenmaßnahmen sind im Artikel zu Emissionen und Geruch beim 3D-Druck ausführlich aufbereitet – dort steht auch, was Aktivkohle leistet und was nicht.
Zum Aufstellort gehört auch das Thema Aceton. Das Glätten von ABS mit Acetondampf ist gängig, aber Aceton ist leicht entzündlich und die Dämpfe sind schwerer als Luft – nichts für einen unbelüfteten Raum oder die Nähe eines heizenden Geräts.
Markenware oder Billigrolle?
Hier ist der Abstand zwischen dokumentierter Markenware und namenloser Rolle größer als bei PLA. Der Grund liegt in der Rezeptur: Additive und Stabilisatoren entscheiden darüber, wie stark eine Rolle schrumpft und wie gut die Schichten halten – und das steht bei günstigen Rollen selten irgendwo.
| Kriterium | Markenrolle | Günstige Rolle |
|---|---|---|
| Temperaturfenster | im Datenblatt dokumentiert | grobe Spanne, oft nur auf dem Aufkleber |
| Schrumpfverhalten | konstant über Chargen | kann zwischen Rollen spürbar abweichen |
| UV-Stabilisierung bei ASA | beworben und beschrieben | unklar, ob überhaupt vorhanden |
| Verpackung | vakuumiert mit Trockenmittel | unterschiedlich |
| Sinnvoll für | Funktionsteile, Außeneinsatz, große Teile | kleine Testteile im Innenraum |
Die ehrliche Einschätzung: Bei PLA fährt man mit einer günstigen Rolle gut. Bei ABS und ASA zahlst du eine unbekannte Rezeptur mit Fehldrucken – wer ohnehin in einen geschlossenen Drucker investiert hat, spart hier an der falschen Stelle.
Für alle, die ein offenes Gerät haben und trotzdem ABS oder ASA drucken wollen. Eine Einhausung hält die Wärme im Bauraum und dämpft nebenbei das Betriebsgeräusch. Wichtig: Netzteil und Elektronik gehören nach außen, und ein eingehaustes Gerät braucht eine Lösung für die Abluft, weil sich Dämpfe und Partikel im Innenraum sammeln.
Typische Fehler
- Ecken heben sich ab. Der Klassiker. Bei ABS und ASA liegt die Ursache fast immer an der Bauraumtemperatur, nicht an der Haftung. Die Reihenfolge zum Eingrenzen – erste Schicht, Zugluft, Geometrie, Bauraum – steht ausführlich im Artikel zu Warping verhindern.
- Das Teil reißt zwischen den Schichten auf. Unangenehmer als eine abgehobene Ecke, weil es erst spät sichtbar wird. Ursache ist meist ungleichmäßige Abkühlung im oberen Bereich hoher Teile: Der Bauraum ist unten warm und oben kalt. Gegenmittel sind eine wirklich geschlossene Haube, weniger Kühlung und eine höhere Düsentemperatur.
- Blasen und raue Oberfläche. Feuchtigkeit – nicht an der Temperatur drehen, sondern trocknen.
- Der Druck löst sich mitten im Lauf. Meist zu kaltes Bett plus zu große Grundfläche. Brim vergrößern, Bett anheben, Teil notfalls teilen.
- Maße stimmen nicht. Beide schrumpfen beim Abkühlen messbar. Wer Passungen braucht, druckt ein Testteil und misst nach.
- Der ganze Raum riecht. Kein Materialfehler, sondern erwartbar. Aufstellort und Lüftung gehören zur Planung, nicht zur Nachbesserung.
Häufige Fragen
Kann ich ABS auf einem offenen Drucker drucken?
Kleine Teile mit wenigen Zentimetern Kantenlänge gelingen manchmal, wenn der Raum warm und zugfrei ist. Alles darüber wird zur Glücksache. Eine provisorische Abdeckung zeigt innerhalb eines Drucks, ob die Bauraumtemperatur die Ursache deiner Probleme ist – dabei dürfen Netzteil und Elektronik nicht mit eingeschlossen werden, und ein abgedecktes Gerät bleibt nicht unbeaufsichtigt.
Ist ASA einfacher zu drucken als ABS?
In der Praxis wird ASA häufig als etwas gutmütiger beschrieben, vor allem bei größeren Flächen. Die grundsätzlichen Anforderungen sind aber identisch: geschlossener Bauraum, heißes Bett, kaum Kühlung. Wer ABS nicht sauber hinbekommt, wird mit ASA nicht plötzlich problemlos drucken.
Wie oft muss ich ABS trocknen?
Nicht vor jedem Druck. Eine frisch vakuumierte Rolle ist einsatzbereit. Nach längerer offener Lagerung oder bei Blasenbildung im Druck gilt die Bambu-Angabe von 80 °C für 8 Stunden. Danach gehört die Rolle in eine dichte Box mit Trockenmittel – ein Punkt, den man bei diesen Materialien nicht überspringen sollte, weil schlechte Schichthaftung hier direkt in gerissene Teile umschlägt.
Ist das Drucken von ABS gesundheitsschädlich?
Eine belastbare Ja-oder-Nein-Antwort gibt es nicht, und wer sie gibt, geht über die Studienlage hinaus. Belegt ist, dass ABS beim Drucken mehr flüchtige Verbindungen und Partikel freisetzt als PLA. Daraus folgt praktisch: lüften, nicht im Schlaf- oder Daueraufenthaltsraum drucken und bei geschlossenem Bauraum filtern oder abführen. Die Details stehen unter Emissionen und Geruch.
Fazit
ABS und ASA sind keine Anfängermaterialien, aber auch keine Geheimwissenschaft. Sie stellen eine einzige harte Bedingung: einen geschlossenen, warmen Bauraum. Wer die erfüllt, bekommt Bauteile, die Wärme aushalten, sich mechanisch bearbeiten lassen und – im Fall von ASA – auch nach einem Sommer im Freien noch aussehen wie am ersten Tag.
Wer sie nicht erfüllt, kämpft gegen Physik. Dann ist PETG in fast allen Fällen die vernünftigere Wahl: etwas weniger wärmefest, dafür ohne Umbau am Drucker und ohne Geruchsthema. Und wenn du dich für ABS oder ASA entscheidest, plane den Aufstellort von Anfang an mit – Lüftung und Abluft sind bei diesen Materialien kein Zubehör, sondern Teil des Setups.
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