Zwischen zwei Türmen hängen feine Fäden, das Modell sieht aus, als hätte eine Spinne daran gearbeitet, und an den Ecken sitzen kleine Klumpen. Stringing gehört zu den Fehlern, bei denen fast jeder zuerst an der Retraction dreht – und genau das ist der Grund, warum viele es nie richtig loswerden. In den meisten Fällen ist die Ursache nämlich nicht der Slicer, sondern feuchtes Filament oder ein undichter Materialweg. Dieser Artikel geht die Ursachen in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit durch und sagt dir, welche Einstellung du wann anfassen darfst.
- Feuchtes Filament ist die häufigste Ursache – besonders bei PETG, PA, TPU und allen wasserziehenden Sorten. Trocknen schlägt jede Slicer-Einstellung.
- Die zweite große Gruppe ist mechanisch: ein verschlissener PTFE-Schlauch, eine undichte Düse oder ein rutschendes Extruder-Zahnrad lassen Material unkontrolliert nachlaufen.
- Erst danach kommen Temperatur, Retraction und Reisegeschwindigkeit – in dieser Reihenfolge.
- Trocknungswerte laut Bambu-Tabelle: PLA 50 °C/8 h, PETG 65 °C/8 h, TPU 70 °C/8 h, ABS und ASA 80 °C/8 h, PA und PC 80–100 °C/8–12 h.
- Eine Trockenbox trocknet nicht. Prusa schreibt dazu wörtlich: „The Drybox does not dry filament.“ Sie hält den erreichten Zustand, mehr nicht.
Woran es wirklich liegt
Stringing entsteht, wenn beim Leerfahren zwischen zwei Punkten Material aus der Düse austritt. Damit das passiert, muss im Schmelzraum Druck sein, den die Retraction nicht abbauen kann – oder Material, das von sich aus dünnflüssiger ist als vorgesehen. Nach Häufigkeit sortiert:
1. Feuchtigkeit im Filament. Kunststoffe ziehen Wasser aus der Luft. In der heißen Düse verdampft es schlagartig, drückt Material heraus und macht die Schmelze dünnflüssiger. Das Ergebnis sind Fäden, die auch dann bleiben, wenn Retraction und Temperatur längst perfekt eingestellt sind. Typische Begleitsymptome: knisternde oder ploppende Geräusche am Hotend, rauhe statt glänzender Oberflächen und ein Materialstrang, der beim manuellen Extrudieren Bläschen wirft.
2. Ein undichter oder verschlissener Materialweg. Sitzt der PTFE-Schlauch nicht mehr bündig an der Düse, entsteht ein Hohlraum, in dem sich Schmelze sammelt. Die Retraction zieht dann zwar zurück, aber der Puffer läuft trotzdem nach. Dasselbe passiert bei einer Düse, die kalt statt heiß angezogen wurde, und bei einer verschlissenen Düse mit ausgeweiteter Bohrung.
3. Das Extruder-Zahnrad greift nicht sauber. Wenn die Zähne durch Filamentstaub zugesetzt sind oder die Anpresskraft zu gering ist, rutscht das Filament beim Rückzug durch. Der Extruder meldet eine Retraction von 0,8 mm, tatsächlich sind es 0,3 mm. Fäden sind dann fast unvermeidlich.
4. Zu hohe Drucktemperatur. Je heißer, desto dünnflüssiger. Zehn Grad zu viel reichen bei PETG oft schon, um deutliche Fäden zu erzeugen.
5. Retraction und Reisewege. Zu kurzer Rückzug, zu langsamer Rückzug, langsame Fahrten zwischen den Inseln, kein „Combing“ – all das verstärkt den Effekt, ist aber selten die alleinige Ursache.
Die ehrliche Einschätzung: Wenn ein Drucker monatelang sauber gearbeitet hat und plötzlich Fäden zieht, ohne dass du am Profil etwas geändert hast, ist es fast immer Feuchtigkeit oder Mechanik. Ein Profil ändert sich nicht von selbst – eine Filamentrolle, die drei Wochen offen im Regal lag, sehr wohl.
In 60 Sekunden eingrenzen
- Hör hin. Knistert oder ploppt es beim Extrudieren? Dann ist Feuchtigkeit im Spiel, und du kannst dir die nächsten Schritte vorerst sparen.
- Extrudiere 100 mm von Hand bei Drucktemperatur, ohne dass etwas darunter liegt. Kommt der Strang gleichmäßig, glatt und glänzend heraus, ist das Material trocken. Bläschen, Dampf oder eine raue Oberfläche sprechen dagegen.
- Vergleiche mit einer frischen Rolle. Derselbe Testdruck mit einer eben geöffneten, vakuumverpackten Rolle desselben Materials trennt Material- von Geräteproblem schneller als jede Messreihe.
- Prüfe, ob nach dem Druckende Material nachläuft. Tritt bei stehender Düse minutenlang Filament aus, ist das ein Hinweis auf einen Hohlraum im Materialweg oder eine undichte Düse – kein Retraction-Thema.
- Erst dann der Retraction-Turm. Ein Testmodell mit zwei bis vier dünnen Türmen zeigt dir das Ergebnis jeder Einstellungsänderung in wenigen Minuten.
Ursache 1 beheben: Filament trocknen
Trocknen heißt: erwärmen unter dem Erweichungspunkt, über Stunden, mit einer Möglichkeit für die Feuchtigkeit zu entweichen. Halte dich an die Tabelle von Bambu Lab – Foren-Werte gehen regelmäßig zu hoch und verkleben die Rolle.
| Material | Temperatur | Dauer |
|---|---|---|
| PLA | 50 °C | 8 h |
| PETG | 65 °C | 8 h |
| TPU | 70 °C | 8 h |
| ABS / ASA | 80 °C | 8 h |
| PA / Nylon | 80–100 °C | 8–12 h |
| PC | 80–100 °C | 8–12 h |
| PPS-CF | 110–140 °C | 8–12 h |
Zwei Punkte, die immer wieder falsch verstanden werden. Erstens: Eine Trockenbox trocknet nicht. Prusa formuliert das im Handbuch unmissverständlich – die Box hält einen einmal erreichten Zustand, sie stellt ihn nicht her. Wer eine feuchte Rolle in eine Trockenbox legt und am nächsten Tag druckt, druckt eine feuchte Rolle. Zweitens: Das Trockenmittel im AMS ist laut Bambu Lab nicht zum Regenerieren vorgesehen, auch wenn in Foren regelmäßig das Gegenteil steht.
Praktisch heißt das: einen echten Trockner oder einen Ofen mit zuverlässiger Temperaturregelung nutzen, danach die Rolle in eine dichte Box mit frischem Trockenmittel legen. Woran du feuchtes Material erkennst, bevor der Druck schiefgeht, steht ausführlich im Artikel über feuchtes Filament.
Für alle, die regelmäßig PETG, TPU oder Nylon drucken – also die Materialien, die Feuchtigkeit am schnellsten ziehen. Wichtig ist ein Gerät, das die höheren Temperaturen der Tabelle tatsächlich erreicht und hält; Modelle mit Deckel bis nur 55 Grad reichen für PLA, aber nicht für PA oder PC. Ein Gerät, aus dem sich direkt drucken lässt, spart zusätzlich das Umlagern.
Ursache 2 beheben: den Materialweg abdichten
Wenn das Filament nachweislich trocken ist und trotzdem Fäden entstehen, geht es an die Hardware. Drei Stellen, in dieser Reihenfolge.
Der PTFE-Schlauch. Er ist ein Verschleißteil, auch wenn er wie ein Stück Rohr aussieht. Die Innenwand wird durch Wärme spröde, das Ende verformt sich, und dann sitzt es nicht mehr bündig am Düsenboden. Bambu Lab nennt hier als einziger Hersteller klare Intervalle: beim A1 eine Prüfung alle sechs Rollen, bei Carbon oder Holz alle zwei; beim X1 alle zehn Rollen, bei abrasivem Material alle fünf. Wenn du den Schlauch tauschst, schneide ihn rechtwinklig ab und schiebe ihn bei heißer Düse bis zum Anschlag ein – dazu mehr im Artikel über den PTFE-Schlauch.
Die Düse. Eine verschlissene Düse zieht nicht nur Fäden, sie extrudiert auch unkontrolliert nach. E3D dokumentiert für Messing in 0,4 mm nach 250 g Carbon-Filament sichtbare Zerstörung, CNC Kitchen nach 360 g Carbon-PETG massiven Verschleiß; mit Standardmaterial hält dieselbe Düse über 1.000 Druckstunden. Ein Wechselintervall nennt weder Bambu noch Prusa – die belegten Materialmengen sind der bessere Anhaltspunkt. Was welche Bauform kann, steht in der Übersicht zu Düsen für 3D-Drucker; wer regelmäßig Carbon, Glow, Silk oder Marble verarbeitet, gehört ohnehin zu einer gehärteten Düse.
Das Extruder-Zahnrad. Setzt sich Filamentstaub zwischen den Zähnen fest, greift der Antrieb nicht mehr sauber, und der Rückzug fällt kürzer aus als eingestellt. Eine Messingbürste und ein Blick auf die Anpresskraft lösen das in fünf Minuten; ausgeschlagene Zähne sind ein Tauschfall, wie im Artikel zum Extruder-Zahnrad beschrieben.
Ursache 3 beheben: Temperatur, Retraction, Reisewege
Jetzt erst darfst du am Profil drehen – und zwar eine Einstellung nach der anderen, sonst weißt du am Ende nicht, was gewirkt hat.
Temperatur zuerst. Drucke einen Temperaturturm und geh in Fünf-Grad-Schritten nach unten, bis die Fäden verschwinden oder die Schichthaftung leidet. Der Punkt kurz oberhalb der Grenze, an der die Lagen nicht mehr sauber verbinden, ist der richtige.
Retraction-Weg. Bei Direktantrieben liegt der brauchbare Bereich meist zwischen 0,4 und 1,2 mm, bei Bowden-Aufbauten deutlich höher, oft zwischen 3 und 6 mm. Mehr ist nicht besser: Ein zu langer Rückzug saugt Luft in die Schmelzzone und produziert Lücken am Anfang der nächsten Bahn.
Retraction-Geschwindigkeit. Meist zwischen 25 und 45 mm/s. Zu schnell heißt, dass das Zahnrad das Filament aufkaut – und das Problem kommt nach ein paar Wochen zurück.
Reisegeschwindigkeit erhöhen. Je kürzer die Düse über der Lücke steht, desto weniger Zeit hat der Faden zu entstehen. Werte um 200 bis 300 mm/s sind bei modernen CoreXY-Geräten unkritisch. Führt dein Slicer Leerfahrten innerhalb des Bauteils („Combing“), nutz das; Z-Hop dagegen sparsam, er verlängert die Zeit ohne Materialfluss.
Wenn nichts hilft
Zieht das Gerät nach Trocknung, Materialweg-Kontrolle und Profilarbeit weiterhin Fäden, bleiben zwei Möglichkeiten. Erstens: Das Material ist irreparabel geschädigt. Filament, das über Monate offen lag, lässt sich zwar trocknen, aber bei PA und PETG bleibt die Oberfläche danach manchmal trotzdem rau. Zweitens: Die Heizzone ist undicht. Ein Materialaustritt oben am Heizblock zeigt sich als Kruste, die bei jedem Aufheizen wächst – kein Einstellungsproblem, sondern eine Baugruppe, die zerlegt, gereinigt und heiß nachgezogen werden muss.
Wer viel mit hygroskopischen Materialien arbeitet, sollte Verbrauchsteile auf Vorrat haben. Ein PTFE-Schlauch kostet wenig Platz in der Schublade und verhindert, dass ein Druck an einer Lieferzeit scheitert.
Für alle, die den Materialweg selbst instand halten. Achte auf den passenden Innendurchmesser für 1,75-mm-Filament und darauf, ob dein Drucker ein proprietäres Schlauchstück mit Sonderlänge braucht. Meterware ist günstiger, verlangt aber einen sauberen, rechtwinkligen Schnitt – schräg abgelängt entsteht genau der Hohlraum, den du eigentlich beseitigen willst.
So verhinderst du es dauerhaft
- Nach jedem Druck: Angebrochene Rollen zurück in eine dichte Box mit Trockenmittel. Das kostet zehn Sekunden und erspart dir die Hälfte aller Stringing-Fälle.
- Vor jedem Druck mit PETG, TPU, PA oder PC: Kurz prüfen, wie lange die Rolle offen lag. Im Zweifel trocknen, bevor ein Zwölf-Stunden-Druck startet.
- Nach Bambu-Intervall: PTFE-Schlauch prüfen – A1 alle sechs Rollen, X1 alle zehn, bei abrasivem Material entsprechend früher.
- Bei jedem Materialwechsel: Extruder-Zahnrad ausbürsten.
- Einmal je Filamentmarke: Temperaturturm drucken und das Ergebnis im Profil speichern.
Diese Punkte lassen sich gut mit den übrigen Kontrollen zusammenlegen. Die belegten Herstellerintervalle für alle Verschleißteile stehen gebündelt im Wartungsplan für den 3D-Drucker.
Häufige Fragen
Warum zieht ausgerechnet PETG so stark Fäden?
PETG nimmt Feuchtigkeit deutlich schneller auf als PLA und hat ein breiteres Erweichungsverhalten – es bleibt über einen größeren Temperaturbereich zähflüssig statt schlagartig fest zu werden. Beides zusammen macht es zum Klassiker unter den Stringing-Materialien. Trocknen nach der Bambu-Vorgabe mit 65 °C über acht Stunden und eine Drucktemperatur am unteren Ende des Herstellerfensters lösen den Großteil der Fälle.
Reicht es, das Filament in eine Trockenbox zu legen?
Nein. Prusa schreibt dazu wörtlich: „The Drybox does not dry filament.“ Eine Box mit Trockenmittel hält den Zustand, den das Material beim Einlegen hatte. Zum Entfernen bereits aufgenommener Feuchtigkeit brauchst du Wärme über Stunden – einen Filamenttrockner oder einen Ofen, dessen Temperatur du zuverlässig kontrollieren kannst.
Kann ich Fäden einfach abbrennen oder abschleifen?
Als Nachbearbeitung ist das verbreitet, und mit Heißluft auf niedriger Stufe verschwinden feine Fäden tatsächlich. Als Dauerlösung taugt es nicht: Wer Fäden wegbrennt, druckt weiter mit feuchtem Material oder undichtem Materialweg – und beides kostet früher oder später mehr als ein paar Minuten Nacharbeit.
Warum trat das Problem gestern noch nicht auf?
Weil sich zwischen gestern und heute etwas geändert hat, das nicht im Profil steht: die Luftfeuchte im Raum, die Zeit, die die Rolle offen lag, oder ein Verschleißteil, das eine Schwelle überschritten hat. Ein Profil verändert sich nicht von selbst. Suche also zuerst nach dem, was sich physisch geändert hat.
Fazit
Stringing ist der Fehler mit dem größten Abstand zwischen dem, was zuerst probiert wird, und dem, was tatsächlich hilft. Die Retraction steht in den meisten Anleitungen ganz oben, gehört in der Praxis aber an Position drei. Trockne zuerst das Material, prüfe dann den Materialweg vom Extruder bis zur Düsenspitze – und geh erst danach ans Profil. In dieser Reihenfolge löst du die meisten Fälle ohne eine einzige geänderte Einstellung.
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